Am Anfang stand die Zeit

Wie die Zeit laufen lernte


Räumlichkeiten und somit Distanzen können wir mit bloßem Auge wahrnehmen. Aber wie steht es mit der Zeit? Sie bleibt zunächst etwas Abstraktes, nur schwer Erfassbares. Und dennoch hat es der Mensch geschafft, die Zeit bis in den Nanobereich bestimmen zu können. Wie schaffte man es, in solch exakte Sphären vorzudringen? Welche Evolutionsschritte mussten Zeitmessgeräte auf dem Weg zur heutzutage allgegenwärtigen Armbanduhr bewältigen und welche großen Persönlichkeiten trieben die Geschichte der mechanischen Zeitmessung voran? Diesen und ähnlichen Fragen wollen wir uns in der Artikel-Reihe „Am Anfang stand die Zeit“ widmen. Lesen Sie im 1. Teil, wie sich die Zeitmessung vom Beobachten der Sterne und eines Schattens hin zur ersten Taschenuhr entwickelte.


Die Sonne und die Zeit

Wenn man so will, hat es - seit dem der Urknall die Zeit zum Laufen brachte – Bestrebungen gegeben diese auch messbar zu machen. Um Wettervorhersagen und somit auch verbesserte Bedingungen für Ernte und Saat treffen zu können, beobachteten die Menschen des Altertums dafür zunächst noch die wiederkehrenden Zyklen der Natur, also die Jahreszeiten und den Abstand von Neumond zu Neumond. Mit der Sesshaftigkeit des Menschen und dem Aufkommen der Arbeitsteilung sowie dem damit einhergehenden Streben nach Organisation und Abstimmung, erwuchs das Bedürfnis nach einer exakteren Zeitmessung. Dahingehend Revolutionäres vollbrachten die Sumerer 3000 Jahre v.Chr.: Sie steckten einen Stab in die Erde und verfolgten den Lauf des Schattens, um damit den Tagesablauf einteilen zu können. Etwas bombastischer veranlagt waren die alten Ägypter, die dafür mit ihren Obelisken gleich ganze Monumente erbauten. Die Babylonier hingegen zeigen sich für die schematische Aufgliederung in Stunden, Minuten und Sekunden nach dem uns bekannten Sexagesimalsystem mit der Grundzahl 60 verantwortlich. Jahrhundertelang genügte die Kombination von Sonnenuhren (für die Anzeige der Stunden) mit Sand- und Wasseruhren (für die Anzeige der Minuten), später auch Kerzen- und im fernen Osten Räucherstäbchenuhren.
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Turmuhren machen die Zeit öffentlich

Gegen Ende des Mittelalters und mit Beginn der frühen Neuzeit begann in den europäischen Städten das Schlagen der Kirchturmglocken den Rhythmus des Tages zu bestimmen. Es heißt, der spätere Papst Sylvester II. habe die erste urkundlich erwähnte, mechanische Uhr entwickelt. Im Magdeburg des späten 10. Jahrhunderts soll er eine Uhr errichtet haben, die durch Gewichte aus Stein angetrieben wurde. Derlei Uhren hatten bereits eine Ganggenauigkeit mit einer Abweichung von etwa plus/minus zehn Minuten pro Tag. Im Gegensatz zu den Sonnenuhren hatten sie außerdem den Vorteil, jedweden Wetterunbilden trotzen zu können. Den maßgeblichen Beitrag zur Etablierung einer solchen Räderuhr leistete die Erfindung der Hemmung. Die im Normalfall aus Hemmungsrad und Hemmungsstück zusammengesetzte Hemmung sorgte mit einem regelmäßigen Anhalten des Räderwerks für eine bessere Umwandlung des durch die Gewichte ausgelösten Impulses und bewirkte so den gleichmäßigen Lauf der Räderuhr. Vom Grundprinzip her hat sich dieses technische Verfahren bis heute nicht großartig geändert.


Uhrmachermeister entwickeln die tragbare Uhr

Die Uhr bewegte sich auf dieser Evolutionsstufe ins Antlitz der Öffentlichkeit, indem sie im städtischen Raum von den Türmen aus für jedermann sichtbar war. Wurden die Räderuhren zunächst noch von Schlossern oder Büchsenmachern gebaut und repariert, spezialisierten sich aus deren Zünften nach und nach Uhrmachermeister. Erwähnung fand der Beruf erstmals im Jahre 1269, als sich ein Uhrmacher im Kloster Beaulieu ein Bierchen gönnte und dafür eine Rechnung ausgestellt bekam.

In der Folgezeit fokussierte sich die Zunft der Uhrenmacher auf die Verfeinerung des verarbeiteten Materials und auf die komplizierte Miniaturisierung der Einzelteile. Gerade das Ersetzen der Gewichte durch einen Federantrieb gegen Mitte des 15. Jahrhunderts brachte den entscheidenden Fortschritt für die Entwicklung kleinerer Uhren. Dies ermöglichte dem Nürnberger Uhrmacher Peter Henlein etwa ein halbes Jahrhundert später, relativ hochwertige, vor allem aber tragbare Uhren zu erbauen. Seine „Nürnberger Eier“ waren zwar noch etwas massig, wiesen aber bereits eine Gangreserve von ungefähr 40 Stunden auf. Die Zeitanzeige erfolgte – wie bei allen mechanischen Uhren dieser Epoche – allein durch einen Stundenzeiger.


Eine bahnbrechende Erkenntnis

Auf dem Weg vom Kirchturm über das Wohnzimmer in die Taschen der Menschen war es jedoch noch ein weiter Weg: 1583 entwickelte Universalgenie Galileo Galilei die Theorie, dass die Schwingungsdauer eines Pendels nur von der Länge der Aufhängung und nicht von der Amplitude bestimmt wird. Der Zeitabstand, in dem ein Pendel bestimmter Länge hin- und her schwingt, bleibt also mit Fortlauf der Zeit konstant. Christiaan Huygens nützte diese Erkenntnis und fertigte in der Mitte des 17. Jahrhunderts das erste Uhrenpendel an. Diese Erkenntnis war jedoch nicht nur für Pendeluhren, sondern für jede Art von Zeitmessern mit schwingenden Gangreglern bahnbrechend und sollte somit auch den Weg für die Entwicklung der Taschenuhr ebnen. Einen weiteren Meilenstein markiert die Erfindung der Unruh, welche auch auf Huygens‘ Kappe geht und der Taschenuhr zum endgültigen Durchbruch verhalf.


Die Uhr rückt in den privaten Raum

Die weite Verbreitung der Taschenuhr brachte es mit sich, dass eine breite Masse der Bevölkerung ihren Tagesablauf nun nach Stunden, Minuten und teilweise sogar nach Sekunden richten konnte. Manch einer stellt gar die Behauptung auf, dass diese neuen Möglichkeiten der präzisen Zeitmessung die Aufklärung erst so richtig ins Rollen brachten. Fakt ist, dass die Bedeutung der Kirchturmuhr abnahm und damit der damaligen klerikalen Obrigkeit das Monopol der Zeitanzeige genommen wurde. Gleichzeitig gestatteten sekundengenaue Uhren gründlichere technische Versuche und ermöglichten wahre Quantensprünge in den Naturwissenschaften. Auch die terminliche Organisation von wirtschaftlichen Prozessen in Unternehmungen, die nach und nach über den Raum des familiären Wohn- und Arbeitszimmers hinauswuchsen, wurde so gewährleistet. Die Produktion und andere Unternehmensabläufe sollten schließlich laufen wie ein Schweizer Uhrwerk.

Eine neue Zeit war angebrochen. Und der Weg geebnet für die große Kunst der Haute Horlogerie.

→ zum 2. Teil

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