Am Anfang stand die Zeit

Wie die Zeit Kunst wurde


Im ersten Teil lernten wir, wie die Zeit zunächst mit Sonne und Schatten sowie schließlich via Kirchturm in die Taschen der Menschen wanderte. In Teil 2 unserer Reihe „Am Anfang stand die Zeit“ wollen wir nun einen Blick darauf werfen, wie der Erfindungsgeist und die Errungenschaften einiger Genies die Uhrmacherei zu einer wahren Kunstform erhob, der Haute Horlogerie.

Die Feder als Antrieb

War es seit jeher die Intention von Erfindern, Gerätschaften zu kreieren, die mit möglichst wenig Aufwand an Material, Kraft und Zeit einen möglichst hohen Nutzen lieferten, kam mit dem Uhrenhandwerk ein Gewerbe auf, dessen filigrane Kunstfertigkeit vorher unerreicht war. Denn wie kein anderer Berufsstand erforderte die Konstruktion von mechanischen Zeitmessern eine Kombination aus logischem Denkvermögen, Akribie und Geschick in der Bearbeitung der Einzelteile. Vor der Zeit von Werkzeugmaschinen, Pressen und dergleichen bestand das Werkzeugarsenal eines Feinmechanikers noch aus Schaber und Feile. Immerhin war mit diesen Instrumenten und einigem Talent eine Verarbeitung mit einer Genauigkeit von ±0,05 mm erreichbar. Vor allem die Etablierung der gespannten Feder als Antrieb (anstatt der Gewichte) war schließlich verantwortlich für einen Evolutionssprung der mechanischen Uhrentechnik. Die Uhrenmacher konnten nun nicht nur neue Funktionen verwirklichen, sondern durch den sparsameren Umgang mit Materialien auch Raum und Gewicht gering halten. Außerdem wurde für die Produktion der immer kleiner werdenden Uhren immer weniger Zeit benötigt und die nunmehr tragbaren Zeitmesser erreichten immer weitere Kreise der Bevölkerung.

Die Zeit bereist die Weltmeere

Bei der Erkundung der Weltmeere spielten exakte Schiffs-Chronometer eine bedeutende Rolle, wurden sie doch zur Bestimmung des Längengrades herangezogen. So kommt es nicht von ungefähr, dass gerade die Seemacht England die im Entstehen begriffene Uhrenindustrie unterstützte. Das sogenannte Längenproblem wurde schließlich Mitte des 18. Jahrhunderts von John Harrison gelöst, indem er eine Uhr kreierte, die nicht nur besonders seetauglich war, sondern auch eine bisher nie erreichte Ganggenauigkeit mit einer Abweichung von nur fünf Sekunden in 161 Tagen aufwies. Dafür erfand er die Grasshopper-Hemmung, ein Verfahren zum Ausgleich von Temperaturschwankungen, einen besonderen Aufzugmechanismus und eine Aufhängung, die die Wellenbewegungen der Schiffe ausgleichen konnte.

Hopp Schwiitz

Im Laufe des 19. Jahrhunderts liefen die Schweizer Uhrenmanufakturen den Engländern jedoch allmählich den Rang ab. In Dörfern des Schweizer Jura, wie um den Lac de Joux oder in La Chaux de Fonds, hatten Bauern schon früh damit begonnen die schroffen Winter dafür zu nutzen, Taschenuhren zu reparieren oder Einzelteile herzustellen und sie dann - beispielsweise in Genf - zu verkaufen. Schon in den Jahren um 1700 griff Daniel JeanRichard auf die Expertise dieser frühen Uhrmacher zurück. Er baute in Le Locle eine erste, ursprüngliche Art einer Uhrenmanufaktur auf, führte dort die Arbeitsteilung ein und gilt heute als Begründer der Schweizer Uhrenindustrie.

Als ein Pionier der Uhrmacherei gilt Abraham-Louis Perrelet aus Neuchâtel. Er entwickelte in den 1770ern eine Taschenuhr, die ihre Energie allein durch die natürlichen Bewegungen ihres Trägers beziehen konnte. Zusammen mit dem Lütticher Uhrmacher Hubert Sarton gilt er daher als Erfinder des automatischen Aufzugs mit Rotor und Wechsler. Perrelet soll mit 95 Jahren seinen letzten Zeitmesser gebaut haben und galt bis ins hohe Alter als große Koryphäe seiner Zunft.

Breguet und die große Kunst der Haute Horlogerie

Als personifizierter Meilenstein auf dem Weg in die moderne Haute Horlogerie gilt jedoch Abraham Louis Breguet. Er wird bis heute als größtes Genie und kreativster Kopf der Uhrengeschichte erachtet. Zu seinen Kunden konnte er sowohl Napoleon als auch dessen Widersacher Wellington zählen und überhaupt belieferte er die meisten Fürstenhäuser sowie die bürgerliche Elite Europas. Gleich eine ganze Schar von wegweisenden Erfindungen oder Verbesserungen gehen auf sein Konto: So perfektionierte er den automatischen Aufzug und machte die reibungsmindernde Installation von Rubinen populär. Seinem schöpferischen Einfallsreichtum verdankt die Uhrenwelt eine Stoßsicherung der Unruh namens „Parachute“ und eine Verbesserung der Ganggenauigkeit durch die „Breguet-Spirale“. Auch fertigte er erstmals einen ewigen Kalender, der die Anzeige des Datums, des Wochentag, des Monat, des Jahr und der Mondphase in sich vereint. Heute wird Abraham Louis Breguet jedoch vor allem mit der Erfindung des Tourbillons in Verbindung gebracht – einem mechanischen Drehkäfig zum Ausgleich von Reibungsunterschieden, welcher damals die Ganggenauigkeit von Taschenuhren deutlich verbessern konnte und auch heute noch als besonders aufwändige und kostbare Komplikation gilt.

Marie Antoinette – Gipfel der Schöpfung Breguets

Als Exempel seines Könnens stellte Breguet in den 1820er Jahren - circa 40 Jahre nach dem Auftragseingang - eine tragbare Uhr vor, die alle bisher bekannten Komplikationen in sich vereinte. Das auf den Namen „Marie Antoinette“ getaufte Prachtexemplar ist das komplexeste und diffizilste Werk zu dieser Zeit. Der Zeitmesser ist nicht nur mit einem Minutenrepetitions-Schlagwerk, einem ewigen Kalender und einer unabhängig anhaltbaren Zentralsekunde, sondern zusätzlich mit einer Äquationsanzeige, einem automatischen Aufzug, einer Gangreserveanzeige sowie einem Thermometer ausgestattet. Nur eine seiner bahnbrechenden Erfindungen schaffte es (noch) nicht sich flächendeckend zu etablieren: Für die Königin von Neapel, Caroline Murat, erschuf er im Jahre 1812 die weltweit erste Armbanduhr.

Breguet war sicherlich einer der bahnbrechenden Wegbereiter für solch namhafte Uhrenhersteller wie Patek Philippe und A. Lange, welche während der industriellen Revolution das Licht der Welt erblickten und mit ihren immer exakter werdenden Zeitmessern den Takt von Wissenschaft und Wirtschaft vorgaben. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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