Rolex Milgauss: Warum die Kollektion unter ihren Möglichkeiten bleibt

By Montredo in Lifestyle
Februar 19, 2021
Rolex Milgauss: Warum die Kollektion unter ihren Möglichkeiten bleibt

Tausend Gauß, auf Französisch mille gauss, beträgt die Resistenz der Rolex Milgauss gegenüber Magnetfeldern. Im Jahr 1956 für Ingenieure oder Wissenschaftler konzipiert – und somit beispielsweise noch vor der Rolex Daytona und Sea-Dweller –, galt die Uhr damals als Antwort auf immer stärker werdende Magnetfelder in unserer Welt.

Trotz ihrer über 60-jährigen Geschichte reiht sich die aktuelle Kollektion heutzutage allerdings nicht in die Reihe der Rolex-Musthaves ein, obwohl sie im Grunde genommen alles dafür mitbringt. Woran liegt das?

Ein kurzer historischer Abriss

Wollte man beispielsweise als Techniker in den 50er-Jahren eine Uhr zur Arbeit tragen, musste man teuflisch aufpassen, denn bereits Magnetfelder von über 50 Gauß konnten einer mechanischen Uhr für immer den Garaus machen. Sind die Hemmung oder der Oszillator nämlich erst einmal magnetisiert, sind starke Gangabweichungen unumgänglich, ja selbst ein Komplett-Stillstand ist möglich.

Dies nahm sich Rolex zum Anlass, eine besonders resistente Uhr zu entwickeln, die sich in dieser rasend schnell technologisierenden Welt problemlos behaupten würde. Die Entscheidung ergibt auch durchaus Sinn, denn nur drei Jahre zuvor hatte die Marke mit der Rolex Submariner und der Rolex Explorer zwei Uhren vorgestellt, die exemplarisch für ihr Genre stehen: die Submariner für Taucher und die Explorer für Abenteurer und Entdecker. Nur ein Jahr später, 1954, folgte zudem die erste Rolex GMT-Master, die bis heute stellvertretend für Uhren mit zweiter Zeitzone steht. Da lag die Entscheidung, eine gesonderte Uhr für Wissenschaftler zu entwerfen, entsprechend nahe.

Rolex Milgauss 6541
Die Rolex Milgauss, Ref. 6541.

Zwar erfolgten im Jahre 1954 bereits die ersten Milgauss-Prototypen mit der Referenz 6543, doch die erste offizielle Milgauss wurde im Jahre 1956 unter der Referenz 6541 lanciert. Gegen Ende der 50er-Jahre erfolgte zudem die Bestätigung des CERNs, einem der weltweit angesehensten Zentren für physikalische Grundlagenforschung, dass Magnetfelder i.H.v. 1000 Gauß tatsächlich kein Problem für die neuvorgestellte Milgauss darstellen. Um dies zu realisieren, entwickelte Rolex für die Milgauss einen speziellen „Schutzschirm“, der aus ferromagnetischen Legierungen besteht und somit sicher das Kaliber unterbringt.

Die Kollektion hat im Laufe der Jahrzehnte für Rolex-Verhältnisse vergleichsweise wenige Änderungen durchlebt. Im Jahr 1960, also nur vier Jahre nach ihrer ursprünglichen Vorstellung, kam mit der Referenz 1019 die für lange Zeit vorerst letzte Milgauss auf den Markt. Diese wurde stolze 28 Jahre unverändert angeboten, bis die gesamte Kollektion im Jahre 1988 schlussendlich aufgrund schleppender Verkaufszahlen eingeäschert wurde. Während Submariner, Daytona & Co. langsam aber sicher auf ihren heutigen Höhenflug zusteuerten, hieß es für die Milgauss nach etwas über drei Jahrzehnten Existenz Abschied nehmen – vorerst.

Rolex Milgauss 1019
Tatsächlich eine Milgauss: die Ref. 1019 © Bob’s Watches

Wiederbelebung im Jahr 2007

Passend zur Baselworld erfolgte 2007 mit der Ref. 116400 eine spektakuläre Neuauflage, die zum ersten Mal ein heute typisches Milgauss-Element aufwies: das leuchtend grüne Saphirglas. Fun fact: Die Entwicklung eben jenes Glases ist in den Augen von Rolex dermaßen kost- und zeitintensiv, dass es keine Uhrenmarke wagen würde, diese Odyssee freiwillig auf sich zu nehmen. Die Marke entschied sich daher dazu, die Technologie gar nicht erst patentieren zu lassen.

Rolex Milgauss

Auch der seit 1985 verwendete 904L-Oystersteel war bei den neuen Uhr natürlich an Bord – eine Legierung, in dessen Genuss die Referenz 1019 nicht mehr gekommen ist.

Neu war zudem der leicht gewachsenen Gehäusedurchmesser von 40mm (statt 38mm) und die Rückkehr des gezackten Sekundenzeigers, der einem Blitz ähnelt und bereits bei der Ur-Milgauss 1956 zum Einsatz kam. Angetrieben wurde die Milgauss fortan vom Rolex Automatik-Kaliber 3131, woran sich bis heute nichts geändert hat. Dieses ist durch die verwendete Parachrom-Spirale überaus widerstandsfähig gegenüber Magnetfeldern.

Rolex Milgauss
Die 2014 vorgestellte Milgauss mit z-blauem Blatt (r.)

Anlässlich der Baselworld 2014 stellt Rolex zudem die Milgauss „Z Blue“ vor, deren elektroblaues Zifferblatt besonders gut mit dem grünen Saphirglas harmoniert.

Kritikpunkte der aktuellen Milgauss-Modelle

Genug der Geschichtsstunde und hin zu der eingangs genannten Frage: Warum wird die Milgauss heute längst nicht so sehr gewürdigt wie vergleichbare Edelstahl-Modelle der Marke Rolex à la Datejust oder Oyster Perpetual?

Wir haben zu diesem Zwecke die gängigsten „Makel“ einmal gesammelt.

Rolex Milgauss

5. Einsatzzweck

Die Milgauss sitzt irgendwo zwischen Air-King, Datejust und Explorer, aber so recht einordnen kann man sie nicht. Die polierten, mittleren Glieder des Armbandes (wie man sie z.B. von der Datejust kennt) suggerieren einerseits einen gewissen Chic, der allerdings durch den Blitz-Sekundenzeiger und die relative bunte Farbgebung schnell wieder aufgehoben wird. Wer also eine elegante Alltagsuhr sucht, greift womöglich eher zur Datejust oder Oyster Perpetual. Wer hingegen auf der Suche nach einer robusten Toolwatch ist, wird dafür bei der Explorer fündig.

4. Sekundenzeiger

Man liebt ihn oder man hasst ihn: den prägnanten, orangefarbenen Sekundenzeiger in Form eines Blitzes. Natürlich gehört dieser zur Milgauss-Kollektion einfach dazu, da diesen schon die Ur-Referenz 6541 aufwies. Dennoch muss man wohl zu 100% davon überzeugt sein, bevor man sich eine Rolex mit Blitz-Zeiger zu eigen macht.

Rolex Milgauss Second Hand

3. Leistung

Bei ihrer Vorstellung waren die 1000 Gauß der Stand der Technik. Dies ist jedoch über 60 Jahre her, sodass andere Hersteller an dieser Marke inzwischen längst vorbeigezogen sind. Eine vergleichbare Uhr wäre beispielsweise die METAS-zertifizierte Omega Aqua Terra (Ref. 220.10.38.20.03.001), deren UVP bei 5.700€ liegt. Diese ist aufgrund ihres Master Chronometer-Kalibers 8800 unempfindlich gegenüber Magnetfeldern von bis zu 15.000 Gauß und stellt das Milgauss-Verkaufsargument des Antimagnetismus somit spielend in den Schatten (und das wohlgemerkt zu einem deutlich günstigeren Preis).

2. Bauhöhe

Der Weicheisenkäfig im Inneren hat natürlich seinen Preis. Zusammen mit dem grünen Saphirglas kommt die Uhr nämlich auf eine Höhe von knapp 13,5mm, was das Tragegefühl etwas kopflastig werden lässt. Auch wenn viele Besitzer das Gewicht am Handgelenk schätzen, baut die Automatik-Uhr für Dreizeigeruhren-Verhältnisse verhältnismäßig hoch. Die meisten Datejust-Modelle tummeln sich hingegen um die 12mm-Marke, gleiches gilt für die Air-King und Explorer.

Rolex Milgauss

1. Preis

Der größte Kritikpunkt ist zweifelsohne der Preis. Mit einer UVP von aktuell 7.950€ erhält man eine Dreizeigeruhr, die technisch auf Augenhöhe mit einer Rolex Explorer (6.200€) oder einer Rolex Air-King (6.150€) spielt. Insbesondere der Vergleich zur Air-King ist ein interessanter, da die beiden Uhren abgesehen vom Blatt und Armband nahezu baugleich sind. In beiden Gehäusen tickt das Kaliber 3131 – einmal jedoch in einer 7.950€-Uhr und einmal in einer 6.150€-Uhr.

Fazit

Die Rolex Milgauss ist eine interessante Uhr, und zwar in dem Sinne, dass sie gewissermaßen durch das Raster fällt. Auf der einen Seite ist sie ein schönes Beispiel dafür, dass Rolex auch gelegentlich gerne mal den eigenen Hemdkragen etwas lockert und etwas unkonventionellere Wege einschlägt.

Auf der anderen Seite dürfte die Uhr für die meisten Rolex-Einsteiger allerdings einen Tick zu verspielt und zu undefinierbar sein, als dass es die erste Uhr werden würde. Daher erscheint uns die Milgauss eher als eine Liebhaber-Rolex und weniger als eine „Ich bin auf der Suche nach meiner ersten Rolex“-Rolex.

Am Endes des Tages ist die Milgauss in unseren Augen die perfekte Uhr für alle, die schon eine Rolex besitzen und nun eine etwas lockerere Alternative suchen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis kann dabei zweitrangig sein.


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Vorherige Kommentare (3)

  1. Ich finde gerade WEIL sie anders ist als der Rolex-Einheitsbrei, ist sie so interessant. Den Aufpreis zur Airking kann ich auch nicht ganz nachvollziehen um ehrlich zu sein, aber hätte ich das nötige Kleingeld für eine neue Uhr, wäre die Milgauss auf jeden Fall in der engeren Auswahl. Ich kann verstehen wenn Leute sagen die Uhr ist nichts Halbes und nichts Ganzes, aber wer sagt, dass das was schlechtes ist? So hat man von allem etwas..

    Februar 19, 2021
  2. Fasst meine Gedanken zur Milgauss recht gut zusammen. Habe nie verstanden, warum man einer Uhr für Wissenschafter und Techniker polierte Mittelglieder am Armband spendieren würde. Da wäre ein komplett mattiertes Band in meine Augen die passendere Wahl gewesen.
    Würde ich eine Milgauss dennoch tragen? Mit Sicherheit 😄

    Februar 22, 2021
  3. Ich werdet Augen machen, was passiert, wenn die Kollektion demnächst eingestellt wird. Erfahrungsgemäß sind alle „exotischeren“ Rolex-Modelle nach ihrer Einstellung dermaßen durch die Decke gegangen, dass Daytona und Co dagegen blass aussehen.

    März 1, 2021

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