Tudor und Rolex: Ein Kuriosum der Schweizer Uhrenindustrie

Wird der Schüler zum Meister?

Hans Wilsdorf



Mit der Heritage-Kollektion auf Höhenflug


Viele Jahre galt Tudor als „Poor Man's Rolex“. Meist mit großem Erfolg, doch der Verlauf der Firmengeschichte war nicht immer gradlinig. Nach einigen schwierigen Jahren ist Tudor heute zur stylischen Manufaktur mit eigenen Kalibern und höchst eigenständigem Design gereift. Vor allem die Heritage-Produktlinie spiegelt dabei die Geschichte der beiden Genfer Unternehmen wider. Im Mittelpunkt dieser Linie stehen die farbenfrohen Black Bay Modelle der Dreizeiger-Kollektion und der Black Bay Chronograph. Die Rolex-Tochter ist erwachsen geworden und hat sich von ihrer ikonischen Mutter emanzipiert. Tudor wird für Träger und Sammler immer attraktiver.

Die Geburtsstunde

Die Geschichte von Tudor nimmt im Jahre 1926 ihren Anfang als Hans Wilsdorf – Rolex-Gründer – die Marke erstmalig registrieren lässt. 20 Jahre später etabliert Wilsdorf Montres Tudor SA, als günstige Alternative zu den damals wie heute weitaus teureren Rolex-Modellen. Tudor sollte über eine attraktive Preisgestaltung bei hoher Qualität ein breiteres Publikum und somit eine größere Käuferschicht als Rolex erreichen. Rolex-Flair zum halben Preis sozusagen. Die erste Tudor erschien 1947 mit der Bezeichnung Tudor Oyster 4463.

TudorTudor Oyster 4463 ©Tudor

Buchhalter und Soldaten lieben Tudor gleichermaßen

Tudor-Uhren waren und sind zuverlässig, funktionell und vergleichsweise erschwinglich. Nicht nur anspruchsvolle Träger hochwertiger Uhren entdeckten die Vorzüge einer Tudor schnell für sich. Auch das Militär hatte großes Interesse an den Zeitmessern aus Genf. So lieferte Tudor seine Modelle wie z.B. die Oyster Prince Submariner 7928 u.a. an die US Navy. Als echte Tool Watch wurde die Submariner tatsächlich auch zum Tauchen verwendet.

Tudor: Die Rolex für alle?

Lange Zeit teilten Rolex und Tudor sich nahezu alle Bestandteile einer Uhr. Worin also liegt der große Preisunterschied zwischen beiden Wilsdorf-Marken? Da der Preis einer Tudor signifikant niedriger sein sollte, bediente sich Wilsdorf beim Herzstück, dem Uhrwerk, in den Regalen der Schweizer Zuliefererindustrie. So kamen meist Kaliber des Herstellers SA Manufacture Horlogère Suisse aus Grenchen, besser bekannt als ETA, zum Einsatz. Werke von ETA befinden sich auch heute in vielen Modellen namhafter Uhrenmarken wie Longines und TAG Heuer.

TudorDer geschwungene Schriftzug enttarnt das verbaute ETA-Werk.

Born to dare – Tudor wird Gaga

Die direkten Rolex-Design-Anleihen waren bei Tudor über Jahrzehnte hinweg offensichtlich. Ein klares Verkaufsargument seitens Tudor und ein offensichtliches Kaufargument für die Kunden. Den ersten Schritt in die Eigenständigkeit schaffte Tudor ab Mitte der Neunzigerjahre. Verschiedene Kollektionen brachten unter anderem die Tudor Hydronaut und den Prince Date Chronographen hervor. Diese Uhren waren deutlich eigenständiger, doch verwendete Tudor für den Prince-Chrono noch immer das Gehäuse der Rolex Daytona.

In der internationalen Uhrenwelt galt Tudor über viele Jahre hinweg als Underdog. Wirklich große Würfe blieben aus und frische Ideen mussten her. 2010 gelang dem Unternehmen auf der Baselworld mit der Heritage-Kollektion dann der große Clou. Praktisch über Nacht katapultierte sich Tudor aus einem Dornröschenschlaf wieder in die erste Liga der sportlichen Luxusuhren. Tudor schaffte diesen Schritt mit frischen, sportlichen und farbenfrohen Modellen. Trotz aller Neuartigkeit blieb die Kollektion klassisch und erinnerte an die Legenden längst vergangener Zeiten.

Aus dieser Kollektion gingen u.a. die Tudor Ranger, der neu aufgelegte Monte Carlo Chronograph, die Pelagos und die Heritage Black Bay hervor. Die Black Bay Kollektion hinterließ und hinterlässt bis heute den größten Eindruck bei Fachpublikum und Kundschaft. Heute kann der Kunde aus zahlreichen Farbkombinationen und einer GMT-Funktion wählen.

TudorDie Black Bay in Bronze-Ausführung als Ref. M79250BM-0005.

Die vor Kurzem vorgestellte Tudor Black Bay Fifty-Eight (M79030N-0001) ist mit einem Gehäusedurchmesser von 39 mm gegenüber der größeren Variante mit 41 mm deutlich schlanker und flacher. Ein Schmeichler an schmalen Handgelenken. 2017 erlebte zudem der Black Bay Chronograph seine Geburtsstunde. Der Bi-Compax Chrono ergänzt die Kollektion mit einem zusammen mit Breitling entwickelten Kaliber.

Seit Einführung der Heritage-Kollektion tritt Tudor unabhängiger und selbstbewusster auf. Neue Markenbotschafter sind nun David Beckham und Lady Gaga, schillernde Figuren, die kaum konträrer zu Hans Wilsdorf und Rolex sein könnten.

Bye, bye ETA – Tudor ist jetzt Manufaktur

In den vergangenen zehn Jahren schritt die Tudor-Evolution sehr schnell voran und brachte viele stylische und innovative Modelle hervor. Doch was wäre dieser evolutionäre Verwandlungsprozess ohne ein selbst entwickeltes Inhouse-Kaliber? Mit einem eigens für die Heritage Black Bay entworfenen Kaliber hat sich Tudor diese Frage 2015 selbst beantwortet. Das neue Werk ist COSC-zertifiziert und heute in allen Varianten der Black Bay verbaut. Die neuen Uhrwerke finden ebenfalls in der Pelagos, North Flag und Glamour Verwendung. Fastrider und Monte Carlo werden weiterhin mit modifizierten Valjoux-Kalibern ausgestattet.

Tudor Black Bay GMT: Die Alternative zur Rolex GMT Master II?

Baselworld 2018. Rolex stellt nach 13 Jahren Entwicklungzeit die neue Referenz der GMT Master II vor. Ein Volltreffer für 8.400 €, den das Publikum mit Applaus empfängt. Selbiges Publikum staunt, als Tudor gleichzeitig die Black Bay GMT Pepsi in die Heritage-Kollektion aufnimmt. Erstmalig stellt Tudor eine Uhr mit GMT-Funktion vor, die zwar direkte Anleihen an die Rolex GMT Master II hat, sich aber trotzdem in allen wichtigen Eigenschaften von ihr unterscheidet. Nicht wenige potenzielle Kunden der GMT Master geben der Black Bay GMT für „nur“ rund 3.600 € den Vorzug.

TudorNeben der Daytona die zurzeit wohl begehrteste Krone auf dem Markt: Die Stahl-"Pepsi" 126710BLRO.

Baselworld 2019 – Quo Vadis Tudor?


Die Baselworld 2019 ist gerade erst passé und Tudor war wohl das Gesprächsthema Nummer 1, denn mit der Tudor Black Bay P01 hat wirklich niemand gerechnet. Die P01 ist die Neuauflage eines 1960er-Jahre-Prototypes, der ursprünglich der US Navy dienen sollte (Montredo berichtete). Wenn ein Adjektiv diese Uhr beschreiben müsste, wäre es "polarisierend", denn unter Uhrenfans scheint ein sehr ambivalentes Verhältnis zu herrschen, man könnte fast von einer Hassliebe reden. Nichtsdestotrotz sendet die P01 auch ein wichtiges Signal: Die konservativen Jahre der leicht veränderten Black Bay-Variationen sind vorerst vorbei. Deren Erfolg der letzten Jahre gab der Marke Recht, was sie selbstbewusst genug machte, sich fortan neu zu erfinden.

Die P01 wurde nicht als neuer Kassenschlager oder gar echte Alternative zur Rolex Submariner konzipiert, das war den Tudor-Ingenieuren klar, sondern vielmehr als Statement und Zeichen eines endgültigen Befreiungsschlages vom Mutterkonzern. Tudor ist stolz auf die eigene Geschichte und scheut sich nicht, dies auch öffentlich zu zeigen.

TudorDer Original-Prototyp der heutigen Tudor P01 (Ref. M70150-0001) aus den späten 60ern.

Schlussgedanken

Tudor hat eine beeindruckende Dekade beschrieben, in der sich die Marke souverän vom schweren Erbe der Konzern-Mutter emanzipiert hat. Tudor war nie näher dort, wo Hans Wilsdorf die Marke schon 1946 positioniert hat: Die direkte Alternative zur begehrten Krone und die bestmögliche Uhr zu einem fairen Preis. Eine Tudor will heute keine Rolex mehr sein. Eine Tudor ist eine Tudor!




ZUR PERSON


Sebastian


Sebastian Swart

Sebastian Swart ist seit über 20 Jahren fasziniert von hochwertigen Uhren. Sein Wissen dafür eignete er sich autodidaktisch an. Zudem ist er aktives Mitglied in zahlreichen Uhrenforen. Als Marketing-Mitarbeiter arbeitete er außerdem in verschiedenen namhaften Berliner Agenturen.

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