Wenn die Uhr in den Mittelpunkt des Spielgeschehens rückt

Zeitmessung im Fußball


Die Sepp Herberger‘sche Weisheit, wonach ein Fußballspiel 90 Minuten dauert, hat sich schon vielfach als Trugschluss erwiesen. Nur allzu häufig sind es nämlich die Minuten nach Ablauf der Regelspielzeit, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Maßgeblich für die Ermittlung der Nachspielzeit ist die Zeitmessung des Schiedsrichtergespanns. Auch wenn im Fußball eigentlich nur das Runde ins Eckige befördert werden muss und keine Welt-, Europa oder Sonstwas-Bestzeiten ermittelt werden, spielt die Uhr deshalb auch im Volkssport Nummer 1 eine nicht ganz unbedeutende Rolle.

Die Anzeigetafel – Die Uhr der Zuschauer

Keine Frage, die Faszination eines Stadionbesuchs lebt von der Atmosphäre. Es sind nicht zuletzt die von den Zuschauern gemeinsam erlebten Momente der Freude und Trauer, welche die Anhängerschaft dazu veranlassen, den Stadionbesuch einem gemütlichen Fußballabend auf der Couch vorzuziehen. Die Anzeigetafel ist so etwas wie die Vergegenständlichung der Stadiongemeinschaft und gehört zum Grundinventar eines jeden Fußballstadions. Sie kündigt verheißungsvoll die Aussicht auf einen möglichen Sieg an oder aber sie streut Salz in die Wunden der Fans im Falle einer sich allzu offensichtlich anbahnenden Niederlage.

Die Spielzeit, die sie anzeigt kann – je nach Spielstand – gar nicht schnell oder gar nicht langsam genug vergehen. Sie nährt Hoffnung oder aber kollektive Verzweiflung. Aus Sicht der Fans hat die Stadionanzeige des Lieblingsvereins emotionalen Wert und symbolischen Charakter. Eine ganz besondere Anzeigetafel findet sich im Stadion des Hamburger SV. Für den Club mit dem Rauten-Emblem markiert sie nämlich die Zeitdauer der ununterbrochenen Erst-Liga-Zugehörigkeit.

Seit der Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 spielt der HSV als einziger Club en suite in der höchsten Spielklasse, was mit der legendären Anzeige auch stolz zur Schau gestellt wird. Doch letzten November kam die Hiobsbotschaft: Die Uhr sei quasi-irreparabel beschädigt. Als Einzelstück produziert, sei eine Instandsetzung aufgrund des Nichtvorhandenseins von Ersatzteilen mit enormem (Kosten-)Aufwand verbunden. Um den Kult der wohl berühmtesten Anzeigetafel der Bundesliga fortzuführen, wurde schließlich eine Schweizer Manufaktur für den Bau einer neuen Uhr beauftragt, welche den Platz ihres Vorgängers einnehmen soll. So kann das in diesem Kalenderjahr anstehende 50-jährige Oberhaus-Jubiläum doch noch vor Ort mit einem offiziellen Countdown eingeläutet werden.

Eine links, eine rechts – Wenn der Schiedsrichter zwei Uhren trägt

Bei den Akteuren ist das Tragen von Uhren auf dem Spielfeld untersagt, bei den Schiedsrichtern sind sie eine Notwendigkeit um einen geregelten Spielbetrieb zu ermöglichen. Es versteht sich deshalb von selbst, dass die Armbanduhr des Schiedsrichters vom grundsätzlichen Metallschmuck-Trageverbot der Spielfeldakteure ausgenommen ist. Häufig ist zu beobachten, dass Referees sogar zwei Uhren gleichzeitig tragen. Vor allem der englische Unparteiische Howard Webb ist bekannt für die Verwendung je eines Handgelenkszeitmessers auf der linken und der rechten Hand. Dies hat den einfachen Grund, dass Schiedsrichter parallel zwei Zeiten messen: Die Bruttospielzeit, in der sämtliche längere Unterbrechungen miteinfließen, und die Nettospielzeit, welche die von Verzögerungen des Spielverlaufs „bereinigte“ Spielzeit ausdrückt.

Am Ende der beiden Hälften werden die beiden Zeiten abgeglichen. Je mehr Unterbrechungen im Laufe des Spiels auftreten, desto länger ist die Nachspielzeit. Im FIFA-Reglement werden einige Spielsituationen aufgezählt, bei deren Eintritt die Zeit gestoppt wird, etwa Unterbrechungen aufgrund von Verletzungen, vorsätzliche Spielverzögerungen und Elfmeter. Als Faustregel spricht man außerdem davon, dass pro Tor in etwa eine halbe Minute angehängt wird, im offiziellen Regelwerk finden Tore in diesem Zusammenhang allerdings keine explizite Nennung. Zwar erst jeweils am Ende der Spielhälften im Mittelpunkt des Geschehens, ist die richtige Zeitmessung deshalb fortwährend von großer Bedeutung. Schließlich will der Schiedsrichter nicht in akute Erklärungsnot geraten, wenn trotz häufiger und längerer Spielunterbrechungen kaum nachgespielt wird.

Die Schiedsrichteruhr – Weiterentwicklung der einfachen Stoppuhr

Die ersten Stoppuhren, die entwickelt wurden, erlaubten zwar die Messung einer Stoppzeit, allerdings war es nicht möglich, die Zeit anzuhalten und anschließend wieder an derselben Stelle weiterlaufen zu lassen. Später setzten sich Chronographen mit zwei Drückern durch – einer war für das Aktivieren und Anhalten, einer für das Zurückstellen auf null verantwortlich. Dies ermöglichte die Messung von Stoppzeiten mit Unterbrechungen.

Klar, auch der Schiedsrichter, der zwei Armbanduhren trägt, benötigt zumindest eine Stoppuhr, die über eine solche Funktion verfügt. Erst eine Uhr, die zwei Stoppzeiten gleichzeitig messen kann, macht die Verwendung eines zweiten Zeitmessers hinfällig. Eine Schiedsrichteruhr besitzt einen Timer, den man bei Spielbeginn startet und einen zusätzlichen Stoppmodus, der bei etwaigen Spielunterbrechungen aktiviert wird. Häufig sind sie mit einem digitalen Drei-Zeilen-Display ausgestattet, auf dem sich neben der Brutto- und Nettospielzeit auch die aktuelle Uhrzeit ablesen lässt.

Ob man nun eine Uhr bevorzugt oder sich lieber mit einer Uhrenkombination in symmetrischer Links-Rechts-Optik präsentiert, ist dem Unparteiischen überlassen und wohl vor allem eine Frage der Gewohnheit. Das Reglement sieht übrigens vor, dass auch Schiedsrichterassistenten den Hauptschiedsrichter bei der Zeitnehmung unterstützen können. Egal ob mit einer oder mit zwei Uhren ausgestattet, hat der besonders eifrige Gehilfe die Möglichkeit, die gemessenen Zeiten mit jenen des Referees zu vergleichen.

Die Leuchttafel des vierten Offiziellen

Bei der Fußballweltmeisterschaft 1998 hatte der "vierte Mann" an der Seitenlinie das erste Mal die Aufgabe, die offizielle Nachspielzeit anzuzeigen. Heute hat dieses Vorgehen festen Bestand und ist aus dem FIFA-Regelkatalog kaum mehr wegzudenken. Die zur Anzeige der Nachspielzeit verwendeten Leuchttafeln, die zuvor lediglich die Nummern der ein- und ausgewechselten Spieler verlautbarten, bekamen somit eine zweite Daseinsberechtigung. Davor oblag es mehr oder weniger der Willkür des Schiedsrichters, wie viele Minuten nachgespielt würden.

Die offizielle Nachspielzeit erweist sich deshalb als sinnvolle Erneuerung, welche die Relevanz der korrekten Zeitmessung auf der großen Fußballbühne ausweitet. Seit der EM 2008 ist auf den Leuchttafeln bei allen Welt- und Europameisterschaften der Schriftzug des Schweizer Herstellers Hublot platziert. Die Marke spezialisiert sich seit langem auf eine sportaffine Käuferschicht und steckt einen beträchtlichen Teil ihres Werbebudgets in den Volkssport Nummer 1. Der noble Schweizer Hersteller lässt damit erkennen, dass die Themen Uhren und Fußball einige Berührungspunkte kennen und gibt zu verstehen, dass die Messung der korrekten Zeit für das Spiel mit dem „runden Leder“ unentbehrlich ist.

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