Auf der Suche nach Konstantkraft: Ferdinand Berthoud Chronomètre FB 2RE

By pburke in News
August 18, 2020
Auf der Suche nach Konstantkraft: Ferdinand Berthoud Chronomètre FB 2RE

Ferdinand Berthoud († 1807) galt als einer der großen Uhrmacher seiner Zeit und war federführend in der Entwicklung moderner See-Chronometer. Seine Marineuhren verhalfen französischen Schiffen im 18. Jahrhundert zu neuen Ufern (was Berthoud den Beinamen «Meisteruhrmacher und -mechaniker des Königs und der Marine» einbrachte) und sein literarischer Nachlass half Generationen von zukünftigen Uhrmachern an der Werkbank.

2015 wurde die Marke «Chronométrie Ferdinand Berthoud» durch den Chopard-Chef Karl-Friedrich Scheufele ins Leben gerufen, um das Erbe Berthouds am Leben zu erhalten. Nach zwei gewonnenen GPHG-Awards 2016 (Aiguille d’Or) und 2019 (Chronometry) steht nun ein weiteres Highlight in den Startlöchern der noch jungen Marke: Ferdinand Berthouds erste runde Uhr, die bis unter das Dach voll mit Komplikationen ist.

Ferdinand Berthoud Chronomètre FB 2RE 3
Das Modell HM6 wurde 1770 im Auftrag von Ludwig XV. fertiggestellt.

Mechanische Uhren und das Problem konstanter Kraftübertragung

Die meisten mechanischen Uhren werden klassisch über die aufgezogene Zugfeder im Federhaus angetrieben, die ihre Kraft über das Räderwerk an das Schwing- und Hemmungssystem abgibt. Das Problem ist jedoch, dass diese Kraftübertragung nicht konstant ist, da eine voll aufgezogene Feder naturgemäß mehr Kraft an das Räderwerk überträgt als eine Zugfeder im entspannten Zustand. Dies wiederum resultiert in einer abnehmenden Ganggenauigkeit.

Seit Jahrhunderten tüfteln Uhrmacher nun schon an einer Lösung für eine konstante Kraftübertragung – so etwas wie der heilige Gral der Uhrmacherei –, um den sukzessiven Spannungsverlust der Feder zu egalisieren. Ferdinand Berthoud hat mit der neuen Chronomètre FB 2RE gleich zwei solcher Mechanismen verbaut, die für genau diesen Zweck entwickelt wurden.

Kette und Schnecke (Fusée And Chain)

Besonders effizient und optisch beeindruckend, wenn auch nicht gerade platzsparend oder einfach zu realisieren, ist eine Art stufenloses Getriebe zwischen Federhaus und Räderwerk namens „Kette-Schnecke-System“.

Zwischenaufzug Uhr
Von der Schnecke (l.) zum Federhaus (r.) © Zenith

Ist die Uhr voll aufgezogen, ist die Kette komplett auf der Schnecke aufgewickelt. Nimmt nun die Federspannung der Uhr ab, wickelt sich die Kette mit ihren 790 Einzelteilen langsam von der konischen Schnecke in Richtung Federhaus von oben nach unten ab. Während sie dies tut, wandert die Kette auf der Schnecke von den schmaleren zu den größeren Durchmessern.

Letztlich ist es genau dieser größer werdende Durchmesser der Schnecke, der das abnehmende Drehmoment der Aufzugsfeder kompensiert. Das Ergebnis ist eine fast konstante Kraftübertragung und somit eine höhere Präzision.

Ferdinand Berthoud Chronomètre FB 2RE FB-RE.FC
Eine Wucht: das symmetrische Kaliber FB-RE.FC.

Zwischen-/ Gleichmäßigkeitsaufzug (Remontoir d’Égalité)

Neben dem Antrieb über Kette und Schnecke hat Ferdinand Berthoud zudem einen Zwischenaufzug verbaut. Der zugrundeliegende Gedanke bleibt unverändert: Der abnehmenden Federspannung einer mechanischen Uhr entgegenwirken, sodass es egal ist, ob die Uhr gerade erst aufgezogen wurde oder bereits kurz vor dem Ablaufen steht. Der Zwischenaufzug wiederholt aber nicht bloß die Arbeit der ersten Komplikation, sondern arbeitet ergänzend, da er an einer anderen Stelle im Uhrwerk wirkt.

Während die Schnecke das an das Räderwerk übertragene Drehmoment ausgleicht und so die Amplitude aufrechterhält, entstehen auch beim Ineinandergreifen der Räderwerk-Zähne minimale Unregelmäßigkeiten. Hier greift nun der Zwischenaufzug als Mechanismus, der an das Ankerrad der Hemmung angebracht ist. Durch eine zweite, kleine Spiralfeder wird sekündlich gerade so viel Energie eingespeist, dass dieser Übersetzungsverlust ausreichend kompensiert werden kann.

Ferdinand Berthoud Chronomètre FB 2RE 4

Und sonst so?

Wie man es von einer Ferdinand Berthoud-Uhr erwarten würde, ist bei der Chronomètre FB 2RE auch sonst alles Haute Horlogerie in Reinform. Das Zifferblatt der 44mm großen Uhr ist aus Grand Feu-Email gefertigt (mehr dazu hier) und auch für die restlichen Komponenten setzt Ferdinand Berthoud auf die eigenen Kunsthandwerker und traditionelle Werkzeuge. Insbesondere kleine Details, die bei anderen Marken gerne rationalisiert werden, machen Freude: Die aufwendig mattierten Brücken des symmetrischen Werkes sind aus Neusilber, der Unruhkloben pfeilförmig und die Zeiger aus gebläutem, 18-karätigem Weißgold.

Preis & Verfügbarkeit

Die Ferdinand Berthoud Chronomètre FB 2RE ist limitiert auf 20 Exemplare – 10 in Weißgold und 10 in Roségold – und schlägt mit CHF 210.000 (knapp EUR 195.000) zu Buche.

Ferdinand Berthoud Chronomètre FB 2RE 5

Mehr Informationen gibt es bei Ferdinand Berthoud.


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Vorherige Kommentare (5)

  1. Verfolge FB nun schon seit einiger Zeit und find’s absolut Wahnsinn, was die machen.
    Habe von Scheufele in der Vergangenheit nicht viel gehalten, aber a) der Baselworld endlich den Todesstoß zu verpassen und b) FB zu gründen sind zwei Dinge, für die ich ihm ewig dankbar sein werde!

    August 18, 2020
  2. Die Uhr ist der absolute Wahnsinn. Für mich die Uhr des Jahres bisher. Mir fällt gerade keine Uhr ein, die mir „von hinten“ besser gefällt. Da kann für mich nicht einmal Lange mithalten…

    August 19, 2020
  3. Bin zwar kein Mechanikfuchs/Uhrennerd, aber ich bilde mir ein, dass Schnecke-Kette-Prinzip annähernd verstanden zu haben.
    Bisschen wie beim Fahrrad fahren oder nicht?

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  4. […] der Jahre zum reinsten Spielplatz wurde. Von Quarzmodellen, über Kohlefaser-Gehäuse bis hin zu Konstantkraft-Tourbillons hat IWC nichts unversucht gelassen und viele verschiedene Richtungen eingeschlagen (von […]

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