
Es war einmal: Wie es der Schweiz gelang, die USA als Uhrenmacht zu überholen
Wer glaubt, die Schweiz habe ihre heutige Spitzenposition schon immer innegehabt, irrt sich. Tatsächlich waren die USA vor etwa einem Jahrhundert noch ein wichtiger Akteur in der globalen Uhrenindustrie, bevor sie im Zuge des Übergangs von Taschenuhren zu Armbanduhren nach und nach an Boden verloren.
Wie konnte es dazu kommen?
Nutznießer der industriellen Revolution
Heute zweifelt niemand mehr an der Dominanz der Schweiz, auch wenn Länder wie Deutschland und Japan ihr dicht auf den Fersen sind. Doch das war nicht immer so.
Vor etwas mehr als einem Jahrhundert war Amerika, genauer gesagt die USA, noch ein echter Hauptakteur in der globalen Uhrenindustrie. Neben England, Frankreich, Deutschland und der Schweiz gab das Land den Ton bei der Herstellung von (Taschen-)Uhren an. Es gab jedoch einen entscheidenden Unterschied: Während vor allem in der Schweiz noch die Tradition gepflegt wurde und exquisite Zeitmesser das Ergebnis tagelanger Handarbeit waren, erkannten die fleißigen Amerikaner schon sehr früh das Potenzial der Neu Technologien.
Der Ursprung davon liegt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals waren die Waltham Watch Company und ihr Gründer Aaron Dennison Pioniere des sogenannten „American System of Watchmaking“. Das Konzept, das in den 1850er Jahren entstand, war eine Alternative zum Schweizer Ansatz und zielte darauf ab, die Kosten zu senken und die Produktionsraten bei der Uhrenherstellung zu maximieren. Zeit ist schließlich Geld.

Dennisons Inspirationsquelle dafür soll ein Besuch bei Springfield Armory gewesen sein, einem US-amerikanischen Hersteller von Schusswaffen. Dort sah er, wie Gewehre mit austauschbaren Teilen hergestellt wurden, was ihn dazu veranlasste, die Idee auch auf die Uhrenproduktion anzuwenden. Seine Vision war, dass in Zukunft austauschbare Teile, die auf speziell dafür gebauten Maschinen in Massenproduktion hergestellt wurden, von angelernten Arbeitskräften zusammengebaut werden könnten – nicht mehr von spezialisierten Uhrmachern.
Eine Rationalisierung in der Uhrenindustrie
Marken, die heute noch existieren, wie Bulova und Hamilton (sowie Marken, die es nicht mehr gibt, wie Waltham und Elgin), profitierten enorm von den technologischen Fortschritten ihrer Zeit. Dies ermöglichte ihnen eine starke Expansion. Elgin beispielsweise stieg zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum weltweit größten Hersteller von Massenuhren auf.

In der Schweiz wurden die Entwicklungen auf der Andere Seite des Atlantiks natürlich mit Argwohn betrachtet. Auch wenn die Auswirkungen nicht ganz so einschneidend waren wie die etwas später eintretende Quarz-Krise, spürten die Schweizer den Einfluss der Neu-Produktionsmethode am eigenen Leib.
Schließlich waren die massenproduzierten (Taschen-)Uhren ebenfalls von hoher Qualität, wenn auch deutlich günstiger als ihre europäischen Pendants. Durch fortschreitende Standardisierung war es somit möglich, nicht nur größere Stückzahlen zu produzieren, sondern auch die Kosten erheblich zu senken. Dies machte mechanische Uhren einer breiteren Masse zugänglich, was bei Schweizer Uhren nicht gerade der Fall war und somit dazu führte, dass ihr Absatzmarkt einbrach. Ab den 1870er Jahren gingen die Verkaufszahlen deutlich zurück.
Das Ziel nicht aus den Augen verlieren
Auf der „ “ Centennial International Anlässlich der Weltausstellung „ “ von 1876, der ersten offiziellen Weltausstellung in den USA, entsandte die Schweiz einige Vertreter ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten – insbesondere angesichts der jüngsten Ereignisse. Was sie dort sahen, öffnete ihnen wahrhaftig die Augen: Eine Drahtspule wurde in ein Ende von Walthams vollautomatischer Schraubenmaschine eingeführt, und heraus kam ein stetiger Strom perfekt geformter Schrauben von der Größe eines Stecknadelkopfes. Uhrenschrauben vergleichbarer Qualität konnten mit den von den Schweizern verwendeten handbetriebenen Maschinen bei weitem nicht in dieser Geschwindigkeit hergestellt werden.
Diese rasante Automatisierung betraf natürlich nicht nur Schrauben, sondern fast alle Teile einer mechanischen Uhr.

Angesichts ihres enormen Vorsprungs in den frühen 1880er Jahren waren die Schweizer und die Engländer bereits fast vollständig aus dem amerikanischen Markt verdrängt worden. Die Engländer gaben sozusagen einfach auf und beschränkten sich fortan auf hochwertige Schiffschronometer, die von den Schiffen der Royal Navy benötigt wurden. Darüber hinaus produzierte die englische Uhrenindustrie überteuerte Ramschware, die nur im eigenen Land, aber unmöglich anderswo verkauft werden konnte. Letztendlich führten sie als letzten verzweifelten Akt einen Neu Protektionismus ein, indem sie die Einfuhrzölle erhöhten und Importe aus Übersee beschränkten.
Anstatt ebenfalls den Kopf in den Sand zu stecken, beschlossen die Schweizer stattdessen, sich an den Neu Markt anzupassen. Man darf hier nicht vergessen, dass die Schweizer Uhrenindustrie vor den 1880er Jahren im Wesentlichen aus Werkstätten in kleinen Bergdörfern bestand, in denen nur wenige Teile einer Uhrwerk oder einer Uhrengehäuse hergestellt wurden.

Um eine fertige Uhr zu erhalten, mussten diese Teile dann in Andere kleinen Werkstätten zusammengebaut werden. Das bedeutete natürlich, dass jede Uhr von Hand nachbearbeitet werden musste, um die Unterschiede zwischen den einzelnen Teilen auszugleichen.
Nachdem sie das amerikanische Fertigungssystem kennengelernt hatten, organisierten sich die Schweizer in zentralisierten Fabriken mit einem gewissen Grad an Automatisierung neu. Diese Fabriken waren im Vergleich zu amerikanischen Unternehmen immer noch sehr klein und noch nicht so stark automatisiert, aber nun waren sie in der Lage, Uhren kostengünstiger zu produzieren, um nicht völlig den Anschluss zu verlieren.
Der Erste Weltkrieg bringt den Wendepunkt
Im Neu Jahrhundert wendete sich das Blatt. Infolge des Krieges wandelten sich Uhren immer mehr von Modeartikeln für Frauen zu beliebten Gebrauchsgütern für Männer. Infolgedessen sank die Nachfrage nach Taschenuhren immer weiter, während die Armbanduhr zum Neu Must-have für den modernen Mann wurde.
Dies brachte die US-Hersteller in eine schwierige Lage.

Während die Schweiz (und inzwischen auch Andere europäische Hersteller) schnell auf diesen Paradigmenwechsel reagierten, hatte der amerikanische Markt große Schwierigkeiten, Schritt zu halten. Das Problem war, dass sich die Unternehmen jahrzehntelang mit ihren Fertigungslinien auf die Produktion von Taschenuhren spezialisiert hatten. Eine plötzliche vollständige Umstellung in Richtung Die Herstellung von Armbanduhren war zu kostspielig und zeitaufwendig. In Verbindung mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 war dieser Wandel für die Branche einfach zu viel, was vielen traditionellen Uhrenmarken den endgültigen Todesstoß versetzte. Uhren wurden zu einem Luxusgut, das sich die meisten Menschen schlichtweg nicht mehr leisten konnten.
Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg, als plötzlich wieder Militär- und Fliegeruhren gefragt waren, konnten einige der verbliebenen amerikanischen Uhrenhersteller einen erneuten Aufschwung verzeichnen, allerdings nur in bescheidenem Umfang. In den USA schwand das Interesse an im Inland hergestellten Uhren zusehends.
Langsam und stetig gewinnt
man
das Rennen
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Die Schweizer hatten ihre Lektion bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gelernt und waren nicht bereit, erneut einen so beträchtlichen Anteil ihres Kuchens abzugeben.
Während die USA mit zwei Weltkriegen und einer schweren Wirtschaftskrise zu kämpfen hatten, modernisierten sich die Hersteller langsam, aber sicher immer weiter. Infolgedessen hatten die Schweizer in den 1950er Jahren maschinell gefertigte und dennoch komplizierte Armbanduhren (wie Chronographen, Automatik-Uhren oder Uhren mit Tages-Datum-Komplikationen) perfektioniert.

Während dies den Zeitgeist traf, waren die Amerikaner einfach nicht mehr in der Lage, den Übergang von einfachen Uhren zu den komplizierten Modellen zu meistern, die in den späten 1950er- und 1960er-Jahren zunehmend gefragt waren.
Fazit
Während beispielsweise die Engländer zu früh das Handtuch warfen, hielten die Schweizer fast stoisch an dem fest, was sie am besten konnten: der Herstellung hochwertiger mechanischer Uhren.
Durch eine schnelle Reaktion auf aktuelle Trends, insbesondere den Wandel von der Taschenuhr zur Armbanduhr, eine kontinuierlich voranschreitende Modernisierung und sicherlich auch eine Prise geopolitisches Glück gelang es dem Land, sich wieder an die Spitze der Uhrmacherkunst zurückzukämpfen. Eine Position, die die Schweiz bis heute nicht mehr abgegeben hat.



